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Allgemein „Kindergarten nach Turnunfall verurteilt“

„Kindergarten nach Turnunfall verurteilt“

Von Hannes Erlacher am in Allgemein

Präsident Stefan Herker nimmt Stellung zur Zeitungsmeldung "Kindergarten nach Turnunfall verurteilt"

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Präsident der SPORTUNION Steiermark möchte ich meine Gedanken zu dem in den Medien diskutierten Kindergartenunfall mit Ihnen teilen.

Zuerst mit Staunen, dann aber doch mit einem gewissen Ärger folgt man der Darlegung einer OGH-Entscheidung zu einem Turnunfall in einem Kindergarten.

Ärger vor allem über die doch mit einiger Ahnungslosigkeit behaftete Argumentation des immerhin höchsten Zivilgerichts in unserem Land, über den Alltag der Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen, wie sie täglich in unseren Kindergärten, Schulen und Vereinen stattfindet. Ärger aber auch über die Kurzsichtigkeit und das Negieren wissenschaftlich fundierter Notwendigkeiten über das erforderliche Bewegen unserer Kinder aus medizinischer, pädagogischer und sportwissenschaftlicher Sicht und daraus abzuleitende Maßnahmen.

Kinder sollen nicht nur frühzeitig motorische und koordinative Fähigkeiten erlernen, sie brauchen für ihre persönliche Entwicklung auch körperliche Erfahrungen. Ein diesbezügliches Fordern und Fördern gelingt nicht „an der Hand“ einer Kindergärtnerin, Lehrerin oder Übungsleiterin. Die Auswirkungen fehlender Bewegung sind überall bereits sichtbar: schlechter physischer Zustand unserer männlichen Bevölkerung bei Stellungskommissionen, Zunahme von Unfällen aus Selbstüberschätzung mangels Erfahrungen mit dem eigenen Körper usw. Wir müssen Erwachsenen beibringen, wie man im Haushalt oder Betrieb auf eine Leiter steigt und unverletzt wieder herunter kommt, weil sie diesbezügliche Defizite aus der Kindheit mitbringen.

Ein „Sturz“ aus 60 cm Höhe auf eine Sicherungsmatte darf für ein fünfjähriges Kind kein Problem darstellen. Eine eventuell daraus resultierende Verletzung ist leider wirklich Pech und folgt man dem ärztlichen Gutachten scheint das ohnedies eine sehr aufgebauschte Geschichte zu sein. Allerdings eine mit Folgewirkungen.

Unsere Gesellschaft respektive die Politik reagiert auf den Bewegungsmangel und versucht gemeinsam mit dem organisierten Sport dem entgegenzuwirken. Initiativen wie Bewegungsland Steiermark oder jetzt die Tägliche Turnstunde sind Beispiele dafür. Solche Initiativen erfahren aber durch solche Urteile einen herben Rückschlag. Bewegungserfahrungen werden eben nicht in wattegefüllten Hochsicherheitszonen gemacht und auch nicht unter ständiger Handhaltung. Ja, man kann dabei hinfallen, kann sich verletzen und sich auch einmal etwas brechen. Wenn dies aber künftig zu gerichtlichen Auseinandersetzungen führt, wird Bewegung und Sport im Bereich von Organisationen wie Kindergarten, Schule und Verein zu starken Reduktionen im Angebot führen. Ein weiterer Rückschritt für die Bewegung, die in ihren Grundansätzen von motorischer und koordinativer Entwicklung ohnedies im Elternhaus zu entwickeln wäre, dort aber leider immer weniger stattfindet. Ein trauriger Tag für Bewegung und Sport.

Das gefällte Urteil ist somit kein Beitrag zum Wohle und Schutz unserer Kinder, sondern mit Sicherheit ein Beitrag um unsere verdienten Pädagoginnen und Pädagogen, Trainerinnen und Trainer zu verunsichern!

Mit freundlichen Grüßen,
Stefan Herker